Modetrend-oder schleichende Übertypisierung des Standards

Der neue Modetrend- oder schleichende Übertypisierung des Standards- wie schadet das einer Rasse?

Leider beobachte ich in letzter Zeit auf den Hundeausstellungen einen gewissen Trend, der mich doch sehr beunruhigt.

Wie schon in meinem Bericht "Gedanken zur modernen Hundezucht" im Mai 2008 geschrieben, gilt es bei der Zucht von Rassehunden, den Standard zu beachten und sich vor einer Überinterpretation des Rassestandards zu distanzieren.

Ich möchte hier hauptsächlich auf die von mir gezüchtete Rasse eingehen, dem Cavalier King Charles Spaniel, obwohl mir natürlich auch bei anderen Rassen aufgefallen ist, dass sie sich im Laufe der Zeit sehr stark zu ihrem Nachteil verändert haben.

Der Deutsche Schäferhund, Chow Chow, Zwergschnauzer, Bergamasker, Mops, Bull Terrier, Bernhardiner, Berner Sennenhund, Bloodhound, Basset, Pekinesen, Engl. Bulldog, um nur einige zu nennen.

Eine große Verantwortung obliegt den Zuchtrichtern, denn diese entscheiden, welche Hunde platziert werden. Wenn denn Richter Merkmale dulden, die immer extremer werden und diesen Hund mit der höchsten Auszeichnung versieht, stellt er diesen Typ als den "Besten der Rasse"(BOB) dar, an dem sich viele Züchter dann orientieren.

Es ist eine Tatsache, dass hoch prämierte Hunde in der Zucht häufiger Verwendung finden, als Nichtplatzierte. Der Züchter wird daraufhin versuchen, diesen Typ züchterisch anzustreben, um bei den nächsten Schauen erfolgreich zu sein.

Allerdings sollte ein Cavalier mit kraftvollem freiem Bewegungsablauf und guter Fitness im Ring Vorrang haben vor Vertretern, die zwar mit prächtigem Haar, jedoch ohne viel Kondition zu sehen sind. Wie oft wird ein glamouröser Hund, wundervoll hergerichtet von seinem Besitzer, mit der Bestnote versehen. Ja äußerlich macht dieser natürlich viel mehr her! Hier wird meiner Meinung nach aber nur die aufwändige Pflege des Besitzers belohnt, der vielleicht sogar ein professioneller Groomer ist- ja es gibt sie schon- die Ausbildung zum Hundefriseur, engl. Groomer.

Was tut man nicht alles, um zu gewinnen!

Anmerkung: Ich habe selbst erlebt, dass eine Hündin, da ihr Haarkleid und ihre Rute durch einen Wurf, 5 Monate vorher, naturgemäß noch etwas abgehaart waren, nicht das CACIB erhielt und sich mit dem Res-CACIB begnügen musste, weil sie nicht in bester Fellkondition war, jedoch laut Richteraussage die beste Läuferin auf dieser INT. Zuchtschau!!

So wurde VIEL FELL VOR GUTEM GANGWERK PLATZIERT!!!!


"Coat comes and goes, but quality remains", wie schon ein bekannter Kynologe sagte und das sollte auch berücksichtigt werden, vor allem bei Hündinnen.

Wir züchten doch nicht vorrangig für Show und Ausstellung, schade, dass es in der FCI-Gruppe 9, keine Selektion auf Leistung/Arbeitslinien gibt und nur die xSchönheitx wichtig ist, sondern in erster Linie den gesunden Familienhund, der seinen Besitzern Freude machen sollte und keine Unannehmlichkeiten. Es fängt ja schon damit an, dass ein zu üppiges Haarkleid lästig für den Besitzer sein kann. Wie oft sehe ich schon komplett geschorene Cavaliere- schrecklich, weil die Besitzer mit der Fellpflege nicht mehr zurecht kommen.

Das könnte man vermeiden, wenn das Haarkleid die Länge aufweist, wie im Standard beschrieben. Aus "langes Haarkleid" wird "überlanges". Es sollte noch einfach zu pflegen sein und Besitzer und Hund bei seinen Aktivitäten im Wald beim Spaziergang oder beim Hundesport nicht behindern.

Nicht mehr tolerierbar sind Merkmale, die der Gesundheit abträglich sind, die die Funktionalität von Atmen, Laufen und Sehen so beeinträchtigen, dass der Hund leidet.

Bei der FCI-Gruppe 9, zu der der Cavalier gehört, sind es folgende kritische Merkmale:

-zu kurzer Fang

-zu kurze Nase

-eingeengte Nasenlöcher

-Atmungsschwierigkeiten

-extreme Kopfabmessungen

-Augen zu groß, bzw. zu hervortretend

-Haarkleid zu üppig

-Haarkleid gesprayt

-Einschränkungen in der Bewegung 1

1 entnommen aus Dortmunder Ausstellungs-News Ausgabe 2/2001, S 4.

Da dieser Trend der Überbetonung zwar schleichend aber stetig voranschreitet, empfinden es viele Züchter nicht als notwendig, hier etwas zu ändern, bzw. sich wieder am ursprünglichen Standard zu orientieren.

Solch eine Einstellung ist nicht tolerierbar, denn diese Ignoranz führt dazu, dass viele Tierschutzorganisationen Gesetze oder Verordnungen hierzu verlangen.


Noch schlimmer: Wollen wir, dass die Zucht der Rasse verboten wird?

Nein, wir wollen einen agilen, lebhaften kleinen Spaniel erhalten, der sportlich und ausdauernd über die Wiesen rennen kann, ohne Behinderung durch zu langes Haar oder eine zu kurze Nase. Ein auschließlicher Couchpotatoe ist der Cavalier nämlich nicht!

Der Faktor Gesundheit sollte an erster Stelle stehen!

Der Ausdruck "Top Stud Dog" dürfte eigentlich nicht als bemerkenswerte Auszeichnung gesehen werden, sondern als Armutszeichen einer Rasse, denn durch die exzessive Verwendung einiger weniger xPopular Siresx wird das Inzuchtniveau einer Rasse massiv ansteigen. Ebenfalls schwerwiegende Folgen können daraus entstehen, wenn sich herausstellt, dass so ein viel genutzter meist junger Rüde nicht nur viele hübsche, sondern leider auch kranke Nachkommen hervorgebracht hat. Nur dann ist es zu spät, denn er hat seine krankmachenden Gene schon weit verbreitet.


So sieht man doch als Besucher der weltgrößten Ausstellung in Birmingham sehr viel "Verwandtschaft" unter den hunderten ausgestellten Cavalieren.

Von genetischer Vielfalt kann man hier nicht sprechen. Die Ahnentafeln der Hunde untereinander ähneln sich sehr.

Ein großer Vererber kann auch ein großer Verderber einer Rasse sein! 2

2 entnommen aus Hundezucht 2000 S. 107, Dr. Hellmuth Wachtel
Einziges Mittel dem entgegen zu wirken, wäre eine Deckrüdenlimitierung. Aber davon wollen die meisten Deckrüdenbesitzer nichts wissen, denn es geht ja um viel Geld, das ihnen damit verloren geht. Dies wäre jedoch eine wichtige Zuchtmaßnahme, um eine möglichst breite Zuchtbasis zu erhalten und anderen vorzüglichen Rüden, die eben nicht auf Platz 1 stehen, zum Zuge kommen zu lassen.


Mein abgemildeter Vorschlag hierzu wäre, dass es Jungrüden gestattet wäre, 5 Deckakte zu vollziehen. Natürlich sollte der Rüde auch die gesundheitlichen Voraussetzungen erfüllen und auf erbliche Erkrankungen untersucht sein.

Dann sollte eine Zuchtpause eingelegt werden, die bis zum 5. Lebensjahr des Rüden bestehen müsste. In der Zwischenzeit sollten, wenn möglich, mind 50 % der Nachkommen des Rüden untersucht sein und ebenfalls nicht krankheitsauffällig sein.

Wenn dieser überdurchschnittlich gesunde Nachkommen hat und im 5.Lebensjahr ebenfalls noch gesund ist, dürfte er für weitere 5 Deckakte zugelassen werden.

Gleiches Prozedere- Nachzuchtkontrolle.

Dann wieder Pause bis zum Veteranenalter 8 Jahre, wo man durch diese Maßnahme vielleicht mal wieder einige vitale und gesunde Rüden auf den Ausstellungen zu sehen bekäme- denn dies ist leider eine traurige Tatsache, dass auf den Zuchtschauen zwar viele Vertreter in Jugend und Erwachsenenalter zu sehen sind, aber selten welche ab 8 Jahren. In diesem Alter müsste ein Kleinhund auf jeden Fall noch fit sein. So könnte er sich beweisen und Züchter sehen hin und wieder den Vaterrüden ihrer gezogenen Cavaliere auch im Alter und nicht wie in der heutigen Praxis üblich:

Moderüde wird viel ausgestellt- belegt immens viele Hündinnen- dann hört und sieht man nichts mehr von ihm..

Ist nun der Veteran und seine Nachzucht gesund, so hat er es verdient, dass er nun bis an sein Lebensende eine uneingeschränkte Zuchtzulassung erhält.

Bei dieser Regelung kann ein Zuchtrüde zwar immer noch mehr Nachkommen hervorbringen als eine Hündin, jedoch schon sehr viel eingeschränkter, vor allem in jungen Jahren, wo man ja gar nicht weiß, ob er ein guter xgenetischerx Vererber ist.

Da er nur eine beschränkte Anzahl an Hündinnen annehmen kann, überlegt sich ein Deckrüdenbesitzer bei dieser Regelung auch, ob er eine Hündin zum Belegen annimmt oder sie doch ablehnt, weil sie die gesundheitlichen und/oder phänotypischen Voraussetzungen nicht erfüllt. Er ist ja interessiert daran, dass die Nachzucht ebenfalls gesund und schön sein muss, sonst bekommt er keine weitere Zuchtzulassung.

Dies wäre ein gewisses xselbsterzieherisches Systemx und die Züchter würden bei ihren Hündinnen ebenfalls darauf achten, dass sie Untersuchungen auf erbliche Erkrankungen vorweisen können.

Ein Umdenken des derzeitigen Schauwesens, das leider viel zu sehr zu reinen Schönheitswettbewerben verkommen ist, ist auf jeden Fall erforderlich.

Es darf nicht nur nach äußerlichen Gesichtspunkten gerichtet werden, sondern die Gesundheit, Vitalität und Fitness sollte vorrangig sein.

Dies jedoch würde den Einzelrichter überfordern, er kann ja nicht in den Hund hineinsehen.

Eine Lösung hierzu wäre z.B. eine Folie hinterlegt beim Ringhelfer/Sonderleiter, die aufzeigt, welche Hunde in der Klasse Untersuchungen auf erbliche Erkrankungen vorweisen können.

Der Richter hat die Einzelbewertungen abgeschlossen und vergibt nun die Plätze für die Hunde. Hier kommt nun die Folie ins Spiel, die der Richter auf seine Unterlagen mit den Startnummern der Hunde legt. So sieht der Richter, welche xStartnummernx, denn die Namen der Hunde sollte er nicht wissen, untersucht sind und könnte dies in sein Urteil mit einfließen lassen, in der Vergebung um die besten Plätze.

Somit sollte gewährleistet werden, dass ein untersuchter, gesunder Hund, vor einem nicht untersuchten Hund bei Gleichwertigkeit im Phänotyp platziert wird.

Unsere Rasse ist leider schon viel zu oft in Presse-Rundfunk und Fernsehen durch unangenehme Berichterstattung aufgefallen.

Stellen wir uns dieser Aufgabe und den Problemen und zeigen damit, dass wir verantwortungsbewusst züchten, indem wir die Regeln der Populationsgenetik beachten, offen und transparent arbeiten, um Erbkrankheiten konsequent zu bekämpfen. Nur so können Cavaliere mit einem hohen gesundheitlichen Standard gezüchtet werden.

Die Menschen und Liebhaber unserer Cavaliere wollen selbst keinen Champion, sondern einen gesunden Cavalier, um den sie sich keine Sorgen machen müssen und der ihr Leben bereichert.

© Doris Steger im Juni 2012

Literatur:

Wuff 07-8/11 Irrwege der Schauzucht von Dr. Hellmuth Wachte

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