6 Jahre später

ein Fortsetzungsbericht von 2008 “Moderne Hundezucht”
Hundezucht – Schauzucht -Selektion nur mehr nach dem Kriterium „Verschönerung des Hundes“ ?

Der Wunsch des Menschen nach Verschönerung des Hundes hat sich z.B. beim Pudel nur in seiner Schur bemerkbar gemacht, nicht in Bestrebungen zur Verbesserung der Anatomie. Jedoch nicht bei allen Rassen.

Leider kommen in der heutigen Hundezucht, dank modernster tiermedizinischer Möglichkeiten, Hunde in die Zucht, die in früherer Zeit selektiert wurden.

Das Ziel einer gesunden Hundezucht sollte jedoch sein, dass der zukünftige Tierbesitzer einen robusten gesunden, langlebigen Hund zur Seite hat.

Ein Begleithund, früher Luxushund genannt, wird immer mehr zur Karikatur gezüchtet, mit immer extremeren Formen, sei es die Brachyzephalie- größere Köpfe, kürzere Nasen, viel zu große Augen, verkürzte Gliedmaßen und ein zu üppiges Haarkleid.

Im Ausstellungsring fällt natürlich so ein herausragendes Exemplar auf und gewinnt oftmals auch, obwohl es (das Exemplar) keineswegs das Beste ist, sondern eben nur weil es „hervorstechend-extrem“ anders ist. Die Vorlieben der Richter für manches Extreme führten leider bei vielen Rassen in die sogenannte „Qualzucht“, weil diese Übertreibungen die Lebensqualität der Hunde stark beeinträchtigen.  

Dabei ist ein zu üppiges Haarkleid noch das geringere Übel, da es nur funktionseinschränkend und noch nicht gesundheitsrelevant ist. Erwirbt ein Käufer so einen Hund aus dieser Showlinie, hat er “nur” sehr viel Arbeit mit der Pflege des Haarkleides und ein schöner Waldspaziergang, bei welchem man dem Hund Kletten oder sonstiges Gestrüpp ständig aus dem Fell zupfen muss, da es dem Hund am Weiterlaufen hindert, ist für Besitzer und Hund keine Freude mehr. Entnervt wird dann oft zur Schermaschine gegriffen und das Fell ist ab. Ist es der Sinn einer Rasse, immer mehr Fell an zu züchten, damit sie dann geschoren werden und dadurch immer weniger dem eigentlichen Standard ähnelt?

Läuft so ein moppartiges Hundchen mit übertrieben langem Haarkleid durch den Ring, kann der Richter nichts anderes beurteilen als dieses – er sieht nichts anderes! Wenn die Kosmetik und das Stylen eines Hundes im Vordergrund einer Hundeausstellung stehen und nur ein Hund „Best In Show“ macht, weil er eben durch sein prächtiges Styling auffiel, haben die Zuchtschauen keinen Sinn mehr. Eine gute Anatomie, schlichtes Haarkleid und ein gutes Gangwerk und Wesen, sollten immer im Vordergrund der richterlichen Beurteilung stehen und auch zum Sieg führen.
Um das zu rechtfertigen, wird heutzutage von „Rasseentwicklung“ gesprochen.
Die Richter prägen das Bild einer Rasse ganz wesentlich und sind somit ganz entscheidend mitverantwortlich für die gesundheitlichen Folgen dieser Extremzucht.

Gesundheit und Vitalität werden leider immer mehr in den Hintergrund gerückt. Um diesen einheitlichen Typ hervorbringen zu können, wird oft Inzucht betrieben.
Ingezüchtete Linien weisen oft einzelne schwere Erbkrankheiten gehäuft auf. Zudem treten Symptome der Inzuchtdepression auf. Diese sind durch Anreicherung schädlicher Gene bedingt, die sich zwar in keine spezifischen Krankheiten äußern, jedoch in Krankheitsanfälligkeit und Fitnessdefekten. Sie äußern sich in Fruchtbarkeitsabnahmen, erhöhter Sterblichkeit -vor allem bei Welpen -Leistungs- und Resistenzmängeln aller Art und verringerter Lebenserwartung.

Keine Hunderasse kann gesund bleiben oder werden, wenn nicht auf genetische Variabilität bei niedrigem Inzuchtkoeffizienten (IK), hohem Ahnenverlustkoeffizienten (AVK) und auf hohe Vitalität geachtet wird.

Der zukünftige Hundebesitzer hat ein Recht darauf, dass auch sein zukünftiger „Begleithund“ Leistungen erbringen, sich gut bewegen und gut atmen kann.

Kaufen Sie, wenn Sie wollen, einen Hund mit brachyzephalen Merkmalen, aber suchen Sie einen Züchter, der sich dem guten alten Typ verpflichtet sieht. Wählen Sie keine extrem kleinen Hunde!
In der Rassehundezucht sollte es so sein, dass die Zuchthündin eine gute Größe aufweisen sollte, weder verzwergt, noch extrem zierlich ist und ein Kaiserschnitt bei den Geburten eher die Ausnahme darstellen muss.
Ebenso sollte darauf geachtet werden, dass Zuchthunde nicht ingezüchtet und natürlich auch auf spezifische Erbkrankheiten der Rasse untersucht sein. Trächtigkeit und Aufzucht der Welpen sollten sich normal gestalten. Welpen sollten vital, kräftig und saugstark sein. Der Tierarzt sollte nur begleitend oder beratend eingesetzt werden. Nach Geburt und Aufzucht sollte die Hündin trotzdem körperlich fit sein, wie vor der Trächtigkeit – hormonell bedingter Haarverlust ausgenommen.

Leider werden in der heutigen Zeit viel zu viele schwächliche und kränkliche Welpen aufgezogen, die  mit Sonde ernährt werden müssen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Schwächlinge sich auch später nicht robust zeigen und dem zukünftigen Besitzer meist auch nur Sorgen bereiten.
Auch wenn durch die Forschung und moderne Tiermedizin heute fast alles möglich ist, sollte man nicht aus falsch verstandener Tierliebe solche Welpen aufziehen, sondern lebensschwache Welpen vom Tierarzt erlösen lassen.
Dies gilt natürlich nicht für Welpen, die vielleicht einen etwas schwierigeren Start ins Leben hatten und sich ein bisschen länger vom Geburtsstress erholen müssen, als ihre Geschwister. Eine kleine Starthilfe ist erlaubt, dann jedoch sollte der Welpe seine angeborenen Instinkte selbst einsetzen können.
Aber leider ist der Mensch empfänglich für Emotionales, wie etwa ein besonders pflegebedürftiges Tier. Jedoch sollte vor allem beim Züchter der gesunde Menschenverstand und eine gewisse Härte vorhanden sein und die Vernunft siegen. Auch wenn fast alles möglich ist, sollte es nicht immer möglich gemacht werden!
Dies dient zum Erhalt eines gesunden Zuchtbestandes und ermöglicht den zukünftigen Besitzern gesunde Hunde.

§ 11 b des deutschen Tierschutzgesetzes, S.120 besagt:
Zuchtziele in der Heimtierzucht dürfen nicht auf spektakuläre und extreme Merkmale ausgerichtet sein, sondern müssen verstärkt Merkmale enthalten, die der Gesundheit und Widerstandskraft der Tiere zugrunde liegen; sie sollten gesundheitsorientiert sein (Vitalitätstest)

 Zum Abschluss noch ein Wort zur Hundeausstellung:

Manche Formwertrichter sind sehr beeinflussbar für das Außergewöhnliche und leider oftmals auch, welcher Mensch am Ende der Leine steht.

Damit es nicht zu viel „menschelt“ und der Kumpanei entgegen gewirkt werden kann, sollte das Ausstellungswesen reformiert werden. Eine Beurteilung des Hundes sollte nicht mehr von nur einem Menschen erfolgen, sondern von einem dreiköpfigen Gremium- das wäre sicherlich gerechter.

Ein genetisch versierter Tierarzt, ein erfahrener Züchter, ein kynologisch versierter Hundebesitzer -keiner dürfte gleichzeitig im Ausstellungsring fungieren. Damit wären alle Figuren vertreten, die ein Interesse an gesunden Hunden haben sollten.

Hier noch ein Ausschnitt aus dem Tierschutzgesetz § 11 b S.123:

Das Ausstellungswesen ist zu reformieren. Es muss auch der Beurteilung und Herausstellung der gesündesten Zuchttiere dienen. Dazu gehören veterinärmedizinische-genetische Atteste über das Freisein von Defekten und Symptomen der Inzuchtdepression oder sonstiger organischer oder körperlicher Schwächen und ggf. ein Vitalitätstest als Voraussetzung für die Zuchtzulassung.
Diese Gesichtspunkte müssen auch vom Ausstellungs-bzw. Zuchtrichter berücksichtigt werden.
D.h. bei sonstiger Gleichwertigkeit ist ein Tier mit besserer medizinischer und genetischer Beurteilung vorzuziehen. Generell ist auf die Prämierung extrem ausgeprägter einzelner Form- und Leistungskriterien zu verzichten.

und in Bezug auf die Brachyzephalie S. 27:

Darüber hinaus Funktionsprüfung bei der Zuchtbewertung.

Der schönste Hund ist doch ein gesunder Hund!
Hundezucht und Ausstellungsringe dürfen nicht weiter die Spielwiese für Züchter und Richter sein, die einen Hund nur mehr nach Äußerlichkeiten bewerten. Erinnern wir uns wieder an den alten Typ der Rassen, die Generationen von Züchtern in der Vergangenheit erschaffen haben. So normal, so gut, so intelligent und so funktionsfähig in Bewegung, Atmung, Sehen mit  ausreichender genetischer Variabilität.

Ich habe diesen Bericht verfasst  in Gedenken an einen großartigen Kynologen, Dipl. Ing. Dr. Hellmuth Wachtel, der leider im Herbst 2015 im Alter von 90 Jahren verstorben ist.  Er hatte so ein großes Wissen über den Hund wie kaum ein anderer. Dr. Wachtel publizierte viele Bücher und Beiträge in Hundefachmagazinen. Er setzte sich ein für die Gesundheit unserer Hunde und wollte das Ausstellungswesen reformieren, dem er die Hauptschuld gab, dass sich viele Hunderassen zu ihrem Nachteil verändert hatten. Möge seine Kritik an der heutigen Hundezucht von Rassehunden nicht ins Leere gehen, sondern ein Umdenken in der derzeitigen Zuchtpraxis bewirken.

© Doris Steger im Februar 2016

Literatur: Rassehund wohin? Von Hellmuth Wachtel
Kynos Verlag

Anmerkungen:
Zudem habe ich schon Aussagen von Zuschauern auf Hundeausstellungen gehört, die entrüstet, bzw. auch verunsichert waren, als extreme Cavalier King Charles Spaniel mit übertrieben langem Haarkleid gewonnen haben. Ist das ein Cavalier im Standard?!

In Österreich wurden die Leute auf extreme Shi Tzu’s aufmerksam, deren Haarkleid noch länger war als bis zum Boden. Man empörte sich über manch Handlingpraktiken der Aussteller, die ihre Hunde an der Rute und an der dünnen Vorführleine strangulierend auf den Richtertisch hochhoben, nur damit das Haarkleid nicht in Unordnung geriet. Ich habe Fotos hiervon, nur leider würde ich mich strafbar machen, diese hier zu veröffentlichen, ohne die Zustimmung der Besitzer.

Wörtliche Aussage eines Herrn: Der sieht ja fürchterlich aus, wer will denn so einen Hund haben. Den kann man ja nicht zum spazieren oder sonst wie nach draußen mitnehmen.
Wenn man sich die Cavaliere auf den alten Bildern anschaut, da hat auch keiner ein so langes Fell oder zu kurze Nasen.

*Wörtliche Aussage einer Welpeninteressentin, die einen Cavalier King Charles Spaniel suchte:

Bilder von solchen “Fellknäulen”  im Internet haben auch mich bei der Suche nach “meinem” Hund immer wieder verunsichert – mich immer wieder gefragt, ob denn die Rasse die richtige Wahl war. Hab mir bei machen Fotos dann immer wieder gedacht … hat der Cavalier doch sooo eine kurze Schnauze … geht das Fell doch sooo weit zum Boden ….
Und dann immer wieder Fotos verglichen um herauszufinden, wie denn nun die Cavaliere bei verschiedenen Züchtern aussehen.
Aber es ist sehr schwierig nach Fotos zu urteilen (besonders wenn man Laie ist) – und ich hoffe wirklich, dass dieser Rasse ein “Mopsschicksal” erspart bleibt und gesund erhalten wird. Eigentlich dachte ich dazu wäre so ein Zuchtverband bzw. diese Bewertungen bei den Ausstellungen da …

Aber es menschelt halt überall. Und für manche sind Prestige, Geld, Macht u.ä. einfach wichtiger als “gesunder Menschenverstand”. Aber ich hoffe, dass es immer mehr Züchter werden – egal welche Rasse, egal welche Art – die wieder vermehrt die Tiergesundheit im Blick haben (und schließlich gibt es ja auch schon “Retromöpse” ;-) – es besteht Hoffnung für die Welt ;-)   )

 


 

 

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